SHEJA Publishing House

ESSAY 02

Das Recht, nicht in ein Muster zu passen.

Ein vertrautes Bild kann zu eng werden. Über Würde, die Freiheit, sich neu zu zeigen, und eine Mentoringbeziehung, in der die eigene Stimme Raum behält.

Von Jelica Stanojlović


"Auf dich kann man sich verlassen."

Es ist ein schöner Satz. Er spricht von Vertrauen, von Erfahrung, von etwas, das sich zwischen Menschen bewährt hat. Und doch frage ich mich: Was geschieht, wenn aus diesem Vertrauen die Erwartung wird, dass ein Mensch immer verfügbar, belastbar und vernünftig sein muss?

Wenn wir kaum noch fragen, weil wir seine Antwort schon zu kennen glauben?

Du bist die Starke. Du findest einen Weg. Du brauchst wenig. Du schaffst das.

Vielleicht erkennt sich eine Frau darin wieder. Vielleicht ist sie stolz auf das, was sie getragen, entschieden und aufgebaut hat. Und vielleicht möchte sie irgendwann sagen: Ja, das gehört zu mir. Aber es erzählt längst nicht alles.

Dieser Moment interessiert mich. Weil darin eine Frage sichtbar wird, die weit über eine Rolle hinausgeht: Wie viel Raum lassen wir einem Menschen, uns neu zu begegnen?

Wie ein vertrautes Bild zu eng werden kann

In meinem Leben und in meiner Arbeit haben Führung, Verantwortung und die Begleitung von Menschen einen großen Platz. Diese Erfahrung ist für mich ein Ausgangspunkt, um über die Bilder nachzudenken, die wir voneinander haben.

Wir brauchen solche Bilder. Sie helfen uns, Erfahrungen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen. Wir lernen, wem wir eine Aufgabe zutrauen, wer Unterstützung braucht und wie Zusammenarbeit gelingen kann.

Auch die Psychologie gibt uns Begriffe, durch die manches verständlicher wird. Ein wiederkehrendes Verhalten zu erkennen kann entlasten. Was zuvor verwirrend war, bekommt einen Zusammenhang.

Doch eine Erklärung bleibt eine Erklärung. Sie erfasst bestimmte Aspekte eines Menschen, zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen.

Wenn wir das vergessen, wird aus einer hilfreichen Beobachtung eine feste Zuschreibung.

Die Frau, die bisher jede zusätzliche Aufgabe übernommen hat, gilt als unkompliziert. Sobald sie eine Grenze setzt, müssen die anderen ihr Bild überprüfen. Vielleicht nennen sie ihre Antwort schwierig. Vielleicht fragen sie sich, was mit ihr los ist. Seltener fragen sie: Was haben wir bisher als selbstverständlich betrachtet?

Genau dort möchte ich genauer hinsehen.

Ein Mensch kann zuverlässig sein und eine Aufgabe ablehnen. Er kann Verantwortung ernst nehmen und erkennen, dass er sie anders verteilen muss. Das Neue widerspricht dem bisherigen Bild vielleicht weniger, als es dieses erweitert.

Das Recht, eine Ausnahme zu sein

Ein philosophischer Beitrag von Will Kidder, Jason D'Cruz und Kush R. Varshney beschäftigt sich mit Empathie, künstlicher Intelligenz und dem "Recht, eine Ausnahme zu sein".[1]

Die Autoren fragen, wie der Individualität einer Person Rechnung getragen werden kann, auch wenn allgemeine Regeln oder Erwartungen eine bestimmte Einschätzung nahelegen. In ihrer Argumentation besitzt das menschliche empathische Verstehen dabei einen eigenen moralischen Wert.

Für mich eröffnet dieser Gedanke eine Frage an jede Beziehung, in der wir Menschen begleiten oder beurteilen:

Darf das, was du mir von dir erzählst, meine Einschätzung tatsächlich verändern?

Es ist leicht, Offenheit zu behaupten. Schwieriger ist es, eine plausible Erklärung wieder loszulassen. Besonders dann, wenn wir viel Erfahrung haben und glauben, etwas schnell zu erkennen.

Das Recht, nicht in ein Muster zu passen, bedeutet für mich deshalb auch eine Verpflichtung auf der anderen Seite: zuzuhören, nachzufragen und das eigene Urteil überprüfbar zu halten.

Eine Ausnahme sein zu dürfen heißt hier, dass das Besondere eines Menschen Gewicht bekommt. Seine Umstände. Seine Beweggründe. Die Bedeutung, die eine Entscheidung für ihn hat.

Würde steht am Anfang der Begegnung

An diesem Punkt berührt der Gedanke den Kern von SHEJA: die Würde des Menschen.

Für mich hängt Würde weder davon ab, wie viel jemand leistet, noch davon, wie klar er sich ausdrücken kann. Ein Mensch muss sein Leben nicht überzeugend erklären, damit wir ihm mit Achtung begegnen.

Gerade in einem Gespräch über Veränderung ist vieles zunächst unvollständig. Eine Frau weiß vielleicht sehr genau, dass etwas nicht mehr stimmt, und kann noch nicht sagen, was an seine Stelle treten soll. Sie kann erschöpft sein und zugleich voller Ideen. Sie kann ihre Arbeit lieben und die Art, wie sie arbeitet, infrage stellen.

Diese Spannungen verdienen Aufmerksamkeit. Wenn wir zu schnell eine Lösung anbieten, nehmen wir ihnen möglicherweise die Gelegenheit, verständlich zu werden.

Würde zeigt sich für mich darin, dass wir einem Menschen diesen Raum zugestehen. Dass seine Unsicherheit unsere Achtung nicht mindert. Dass er widersprechen darf. Auch uns.

Das schließt eine sorgfältige Prüfung seiner Entscheidungen ein. Welche Folgen haben sie? Welche Verantwortung bleibt? Was ist tatsächlich möglich? Ein respektvolles Gespräch darf unbequem werden. Die Achtung vor der Person muss dabei Bestand haben.

Was das für Mentoring bedeutet

Im Mentoring gibt es ein besonderes Gefälle: Eine Frau kommt mit einer Frage, einem Übergang oder einem Anliegen. Die Mentorin bringt Erfahrung, eine Außenperspektive und fachliche Orientierung mit. Ihren Worten kann dadurch großes Gewicht zukommen.

Umso sorgfältiger möchte ich mit meinen Deutungen umgehen.

Wenn ich sage: "Das könnte ein wiederkehrendes Muster sein", sollte darin eine Einladung zur Prüfung liegen. Die Frau vor mir muss sagen können: "Ein Teil davon stimmt. Aber etwas Wichtiges fehlt."

Und dann müssen wir weiterarbeiten können.

Mich interessieren Fragen wie: In welchen Situationen zeigt sich dieses Verhalten? Wann ist es anders? Welche Möglichkeiten hattest du damals? Welche hast du heute?

So bekommt ein Muster einen Kontext. Wir können verstehen, wozu ein Verhalten einmal gedient hat, welche Folgen es heute hat und wo eine andere Entscheidung möglich wird.

Dabei trägt die Mentorin Verantwortung für die Qualität ihrer Begleitung. Die Frau, die sie begleitet, behält ihre eigene Stimme. Eine tragfähige Beziehung braucht beides.

Für mich gehört dazu auch, die eigenen Grenzen zu kennen und zu erkennen, wann eine andere fachliche Unterstützung notwendig ist.

Auch Führung braucht diese Offenheit

In der Führung müssen wir Leistungen beurteilen, Aufgaben verteilen und Entscheidungen treffen. Gemeinsame Maßstäbe sind dafür unverzichtbar.

Ihre Anwendung verlangt jedoch Aufmerksamkeit für die konkrete Situation.

Wenn eine Mitarbeiterin still ist, kennen wir dadurch noch nicht den Grund. Wenn eine erfahrene Führungskraft zögert, wissen wir noch nicht, ob ihr Klarheit fehlt oder ob sie Folgen sieht, die andere übersehen.

Wer führt, muss urteilen können. Zur Qualität dieses Urteils gehört die Bereitschaft, weitere Informationen aufzunehmen und eine Einschätzung zu korrigieren.

Individualität zu berücksichtigen bedeutet dabei, Unterschiede sorgfältig zu prüfen und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Das ist anspruchsvoll. Es verlangt Zeit, Urteilskraft und manchmal die Einsicht, dass wir voreilig waren.

Die Bilder, die wir von uns selbst haben

Bis hierher geht es um den Blick anderer. Doch wir tragen solche Zuschreibungen auch in uns.

Ich bin eben diejenige, die durchhält. Ich brauche niemanden. Ich darf niemanden enttäuschen.

Manche dieser Sätze haben eine lange Geschichte. Sie können mit Fähigkeiten verbunden sein, auf die wir zu Recht stolz sind. Sie können zugleich Entscheidungen begrenzen, die heute möglich wären.

Deshalb lohnt es sich, genauer zu fragen: Was an diesem Selbstbild entspricht mir noch? Was habe ich unter früheren Umständen gelernt? Und was möchte ich inzwischen anders leben?

Es geht um eine ehrliche Beziehung zur eigenen Geschichte. Um die Fähigkeit, das Gewachsene anzuerkennen und dennoch neu zu entscheiden.

Du darfst eine Stärke behalten und ihren Einsatz verändern. Du darfst fürsorglich sein und deine Zeit schützen. Du darfst weit gehen und unterwegs prüfen, ob die Richtung noch deine ist.

Eine Begegnung, in der Neues möglich wird

Für mich beginnt die Qualität einer Mentoringbeziehung auch dort, wo eine Frau sagen kann: "So hast du mich verstanden. Aber so ist es für mich noch nicht ganz."

Dieser Satz muss Platz haben.

Vielleicht lernen wir dann etwas, das keine vorbereitete Frage und kein vertrautes Modell sichtbar gemacht hätte. Vielleicht wird eine Entscheidung erst möglich, weil wir aufgehört haben, sie aus einer bisherigen Rolle abzuleiten.

Das Recht, nicht in ein Muster zu passen, verstehe ich als ethischen Anspruch an unsere Aufmerksamkeit. Ein Mensch darf unser Bild von ihm verändern. Und er darf sein eigenes Bild von sich überprüfen.

Darin liegt für mich eine Form von Respekt, die sehr konkret ist: Ich höre dir so zu, dass das, was du sagst, einen Unterschied machen kann.

Welche Beschreibung von dir ist noch wahr – und lässt dir trotzdem zu wenig Raum?

Jelica Stanojlović · SHEJA


[1] Philosophischer Ausgangspunkt: Will Kidder, Jason D'Cruz und Kush R. Varshney: "Try to See Things from My Point of View: Empathy, AI, and the Right to Be an Exception", in Empathy and Artificial Intelligence, Cambridge University Press, 2026, S. 23–29. Zum Beitrag.


Der philosophische Beitrag dient als Ausgangspunkt für diesen Essay. Die Übertragung auf Mentoring, Führung und SHEJA ist meine eigene Reflexion. "Recht" bezeichnet hier einen ethischen Anspruch.