DIE STILLE ENTFERNUNG VON SICH SELBST

Die stille Entfernung von sich selbst
Es gibt Dinge, die wir im Leben sehr schnell bemerken.
Wir bemerken, wenn eine Beziehung nicht mehr funktioniert. Wir bemerken, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten gerät. Wir bemerken, wenn der Körper krank wird.
Doch es gibt Veränderungen, die geschehen so langsam, dass wir sie oft erst erkennen, wenn sie längst Teil unseres Alltags geworden sind.
Eine davon ist die stille Entfernung von sich selbst. Sie geschieht nicht an einem einzigen Tag. Nicht durch eine einzige Entscheidung.
Und selten durch ein dramatisches Ereignis.
Sie beginnt oft dort, wo das Leben besonders gut funktioniert. Dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen.
Wo sie gebraucht werden. Wo sie verlässlich sind. Wo sie lernen, stark zu sein.
Viele Frauen verbringen Jahre damit, Dinge möglich zu machen.
Für ihre Familien. Für ihre Teams. Für ihre Unternehmen. Für Menschen, die ihnen wichtig sind.
Sie organisieren. Entscheiden. Tragen. Begleiten. Lösen Probleme.
Und oft tun sie all das mit einer bemerkenswerten Hingabe. Doch irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges.
Nicht außerhalb von ihnen. Sondern innerhalb. Das Leben läuft weiter.
Die Termine bleiben. Die Aufgaben bleiben. Die Verantwortung bleibt.
Doch die Verbindung zu sich selbst wird leiser. Nicht vollständig verschwinden.
Nur leiser. Fast unmerklich.
Wie eine Stimme, die über Jahre hinweg immer wieder unterbrochen wurde.
Sicher nicht aus Boshaftigkeit.
Auch nicht aus Nachlässigkeit.
Sondern weil immer etwas wichtiger erschien.
Ein Termin. Ein Projekt. Eine Verpflichtung. Eine Verantwortung.
Irgendwann gewöhnen sich Menschen daran, sich selbst zuletzt zu fragen.
Und genau darin liegt eine der größten Herausforderungen vieler erfolgreicher Frauen. Nicht, dass sie scheitern.
Sondern dass sie so gut funktionieren, dass niemand bemerkt, wenn sie sich langsam von sich selbst entfernen.
Auch sie selbst nicht.
Vielleicht besteht wahre Reife nicht darin, immer mehr zu leisten.
Vielleicht besteht sie darin, diesen Moment rechtzeitig zu bemerken.
Den Moment, in dem das eigene Leben noch funktioniert, aber nicht mehr vollständig antwortet.
Den Moment, in dem die äußeren Erfolge nicht mehr dieselbe innere Resonanz erzeugen.
Den Moment, in dem eine neue Frage auftaucht.
Nicht:
"Wie kann ich noch mehr erreichen?"
Sondern:
"Was möchte in meinem Leben wieder mehr Raum bekommen?"
Diese Frage ist selten laut.
Sie fordert keine sofortige Antwort. Sie verlangt keinen radikalen Umbruch. Sie möchte lediglich gehört werden.
Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit Mut. Nicht mit einer Entscheidung. Nicht mit einem Plan.
Vielleicht beginnt sie mit etwas viel Einfacherem.
Mit dem ehrlichen Eingeständnis, dass wir uns verändert haben.
Und dass es erlaubt ist, dieser Veränderung zuzuhören.
-Jelica Stanojlovic, 7.JUNI 2026
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